Fantastische Geschichten von unterwegs

Im Wald

wald

„Ach, verfickte Scheiße, was ist denn jetzt schon wieder los?!“

Es tut einen lauten Knall, dann beginnt es zu eiern und rollt langsam aus. Vom Rad abgestiegen schaut sie sich um, sucht einen helleren Fleck unter einer Straßenlaterne und macht sich daran das Hinterrad zu untersuchen. Inmitten des Mantels steckt unübersehbar eine dicke, fette Glasscherbe. Fünf Meter weiter im Schatten befinden sich die dazugehörigen Reste einer Wodkaflasche.

„Mist aber auch. Warum muss es eigentlich immer Leute geben, die zu besoffen dazu sind, ihren Müll in die dafür vorgesehenen Container zu werfen…“

Es ist schon spät und bis nach Hause wären es selbst auf dem Rad noch ca. 20 Minuten, also bleibt wohl nichts anderes als zu schieben. Um drei Uhr in der Nacht sind zum Glück nicht mehr viele Leute unterwegs, dann hat man wenigstens seine Ruhe. Leise summt sie vor sich hin…

No one’s gonna take me alive
Time has come to make things right
You and I must fight for our rights
You and I must fight to survive

Eigentlich war die Idee selten dämlich unter der Woche auf eine derartige Party zu gehen, schließlich muss man am nächsten Morgen auch wieder raus, denkt sie sich. Das schöne Studentenleben hat, manche mögen es doch kaum glauben, irgendwann ein Ende. Bei Schrittgeschwindigkeit mag auch der alte Felgendynamo nicht wirklich arbeiten und rund herum wird es langsam immer dunkler, wenn sie vom Park aus langsam in den Wald läuft, an dessen anderem Ende das Bett darauf wartet seinen Zweck zu erfüllen. Langsam aber sicher wird sich immer müder, gähnt vor sich hin und beschleunigt ihr Tempo. Das Summen wird lauter, um sich besser wach zu halten, aber immer wieder unterbricht sie sich selbst.

„Dann sagt der Typ mir tatsächlich, dass ich mich verpissen solle. Ich würde hier nicht hinpassen… was fällt dem eigentlich ein?! … nur weil ich nicht solche scheiß Schickimicki-Klamotten hab, bei denen einem Brüste aus dem Top fallen. Ich glaub es hackt?!“

Die Chucks sind dreckig, die Jeans abgewetzt und dazu trägt sie ein schwarzes Shirt mit apokalyptischen Motiven. Natürlich ist das nicht der neuste Trend – denkt sie sich – soll es ja auch nicht, aber deswegen kann der einen doch nicht einfach vor die Tür setzen?! Immerhin waren wir eine Geburtstagsgesellschaft. Sich echauffierend lässt sie den Abend Revue passieren, fragt sich, was die anderen noch treiben, nachdem der Abend für sie so abrupt beendet wurde. Eigentlich hatte sie garkeine Lust darauf, in so einen Club mitzukommen. Die Musik war zu laut, zu schlecht, die Leute zu besoffen und der durchschnittliche IQ der Anwesenden hat garantiert nicht das mathematische Spektrum eines Erstklässlers übertroffen. Es war ein Gefallen für einen alten Schulfreund, dass sie mitgekommen ist, nicht mehr .“Sogar seine Freunde sind doof und dann erlaubt dieser Arsch es sich noch, mich einfach so rauszuschmeißen, nur weil ich seinem „Kumpel“ gesagt habe, dass er sich seine Eier lieber auf einer heißen Herdplatte wärmen soll, bevor ich ihm den Gefallen tue mit ihm zu kommen. Das war wohl ein schlechter Scherz… immerhin hätte er jedes andere dümmliche Hasi im Laden abschleppen können.“

Immerhin hält das Gezetere sie wach, denkt sie sich, und läuft weiter. Und dann will selbst dieses dämliche Fahrrad plötzlich nicht mehr, es wird kalt und sie merkt, wie sich auch ihre Blase langsam bemerktbar macht.

Irgendwann bleibt ihr nichts anderes übrig als sich in die Büsche zu schlagen. Sie sucht eine freie Stelle im Unterholz, die keine spitzen Dornen in ungünstigen Positionen aufweißt, öffnet die Hose und geht in die Hocke. Auch ein leises entspannendes Seufzen kann sie sich nicht verkneifen, als sie plötzlich Geräusche vernimmt. Zum Glück ist sie einige Meter abseits vom Weg, drängt ihr ins Bewusstsein, als sie wütende Schreie hört und einen Schatten laufen sieht, geradewegs auf ihr Fahrrad zu, das am Wegesrand liegt.

„Der wird doch wohl nicht!…“ murmelt sie, als sich die Gestalt daran macht es aufzuheben, und dann geht es plötzlich ganz schnell. Ein Knurren, ein weiterer Schatten, riesengroß, nähert sich der Szene und springt auf den anderen Schatten. Mehrere Schreie ertönen, dazwischen widerliche Schmatzgeräusche. Zur Salzsäule erstarrt hockt Katha im Gebüsch und beobachtet die Szenerie, so unwirklich, dass man eher den Eindruck eines Schattentheaters gewinnen könnte. Aus dem Schreien wird langsam aber sicher ein Wimmern, ein Stöhnen und letztendlich Stille. Als sie gerade darüber nachdenkt, dass hier jemand ernsthaft gefressen worden sein könnte, und wie dämlich das in einem Wald ohne große Raubtiere ist, bewegt sie ihren Fuß… es knackt.

Sie hat das Gefühl als würde sie genau in diesem Moment von einem Augenpaar fixiert… dann wacht sie auf.

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