Fantastische Geschichten von unterwegs

Am Morgen

morgen

Völlig benommen schlurft Katha vom Bett in Richtung Küche. Sie füllt neues Wasser in den Tank, drückt den Knopf – es beginnt zu surren – und packt irgendwie eines der Pads aus der Dose in den Träger und diesen in die Maschine. Dann wankt sie erstmal weiter ins Bad, lässt sich auf dem Klo nieder und starrt den riesigen Zeitschriftenberg auf dem Beistelltisch an. Dann geht es wieder zurück in die Küche, der Kaffee wartet…

Mit einem Knopfdruck löst das dumpfe Brummen bereits das erste Gefühl von Entspannung aus, danach wird der Rest der Tasse mit Milch aufgefüllt und wie die frisch erlegte Beute mit zur Couch geschleppt, um dort genüsslich verzehrt zu werden. Mit einem Druck auf die Fernbedienung versucht sie die unerträgliche Stille zu durchbrechen, wie jeden Morgen. Langsam aber sicher gewöhnen sich die Sinne daran etwas wahrzunehmen, zunächst undefinierte Schemen, Laute, erst mit der Zeit schärft sich die Wahrnehmung.

„Guten Tag und herzlich Willkommen beim Mittagsmagazin, unsere Themen heute….“

Was?! Wie?! Mittagsmagazin? Plötzlich wird Katha wach und schreckt beim Blick auf die Uhr auf; es ist 13:03 Uhr. „Verdammt!“ Der Wiederhall ihrer Stimme beginnt im Kopf zu dröhnen, dann folgt ein unbändiger Schmerz an der Schläfe, am Knöchel und in den Händen. Sie erinnert sich langsam daran, dass sie eben schon den Weg ins Bad und in die Küche humpelnd bestritten hat. Mit einem Blick an sich herunter erkennt sie die Klamotten vom letzen Abend an sich, das Shirt blutig, der rechte Knöchel ungefähr auf das dreifache seines ursprünglichen Ausmaßes angeschwollen, die Hände mit Schürfwunden übersäht.

Dann geht es nochmal ins Badezimmer, diesmal bemerkt sie auch die schier unerträglichen Schmerzen, die der Versuch zu Laufen mit sich bringt. Ein Blick in den Spiegel offenbar nicht nur die völlig zerzausten schulterlangen Haare und tiefschwarz gähnende Augenringe, sondern eine verschorfte Wunde an der Stelle der Stirn, die eben noch weh tat. Nach zwei Sekunden, die sie versucht über das Geschehene nachzudenken, wird ihr übel. Kunstvoll verdreht sie die Augen und sackt auf dem Boden in sich zusammen.

Einige Minuten später kommt sie wieder zu sich und beschließt, dass es wohl besser wäre sich vorerst auf allen Vieren weiterzubewegen; zurück zur Couch. Mit einem schiefen Blick registriert sie ein halbes Dutzend ausstehende Nachrichten auf dem AB, dann greift sie aber doch zum Telefon, um die erste Nummer im Speicher zu wählen.

„Alex?! Du musst mir helfen!“
„Halt, halt, mach‘ mal langsam. Was ist denn los? Wo bist Du überhaupt?“
„Zu Hause, mein Knöchel ist kaputt, meine Hände voller Schürfwunden, meine Stirn verletzt und ich kann mich an nichts Sinnvolles erinnern, woher das sein soll. Ich kann nicht laufen und muss zum Arzt!“
„Was?! Oh Mann… war gestern wohl doch kein toller Abend, hab ich Dir doch gesagt. Ja, ich komme zu Dir, gib‘ mir eine Viertelstunde.“
„Nimm bitte den Schüssel mit, dann muss ich nicht von der Couch aufstehen.“

Der Kaffee ist mittlerweile kalt, aber sie trinkt ihn weiter, allein schon weil sie nicht so einfach in die Küche kommt, um ihn wegzuschütten. Nachdem sie eine Position gefunden hat, in der der Knöchel gerade nicht schmerzt, starrt sie weiter auf den Fernseher.

„In einigen Minuten beginnt die Pressekonferenz der Polizei zu dieser schrecklichen Tat, natürlich sind wir mit einer Live-Schalte direkt dabei….“
„Heute Morgen wurden im Lennebergwald Überreste einer Leiche gefunden. Unsichere Quellen behaupten, dass es sich um ein buchstäbliches Massaker gehandelt haben muss, das offenbar im Laufe der letzten Nacht geschehen ist.“

… die Pressekoferenz der Polizei beginnt und bestätigt die Gerüchte. Von einer näheren Beschreibung des Tatortes wird bewusst abgesehen. „Einziger sachdienlicher Hinweis bleibt ein altes Fahrrad mit einem platten Hinterreifen, das im Gebüsch am Tatort gefunden wurde. Wer im Umkreis von Mainz Hinweise auf ein blaues Trekkingrad der Marke Cyclix geben kann, oder ein solches vermisst, ist dringend dazu aufgerufen sich bei der Polizei  zu melden. Es wird um Ihre Mithilfe gebeten.“

In diesem Moment wird Katha wieder schlecht, als sie gleichzeitig die sich öffnende Wohnungstür vernimmt. Kurz darauf steht ihr Freund Alex vor ihr und lauscht den weiteren Schilderungen.

„Katha, was – zur Hölle nochmal – hast Du gestern gemacht?!“

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