Fantastische Geschichten von unterwegs

We can’t stop here, this is Воры country

country

Sie haben Ihr Ziel erreicht.

Nach kurzer Zeit kommen wir an einem Haus, das unser Navi als Ankunftspunkt markiert hat, an und fahren hinab in die dazugehörige, in dieser Gegend schon beinahe unverschämt luxuriöse, Tiefgarage. Wir befinden uns gerade wohl in dem einzigen wirklich bewohnbar wirkenden Gebäude, ein freistehendes Familienhaus, sogar mit einem kleinen Garten hinter einer Hecke. Eine Stimme über die Freisprechanlage unseres Autos kommentiert:

„Dies hier wird während Ihres Aufenthalts Ihre Unterkunft sein. Wie Sie sehen, verfügt das Gebäude über eine geräumige Parkmöglichkeit, auch eine bescheidene Werkstatt befindet sich hier unten, was besonders für Herrn Floki von Interesse sein sollte.“

Währenddessen sehen Tolstoy und ich, wie sich auf den schwarzen Pupillen unseres Riggers ein glänzender Film mit Freudentränen abzeichnet. Andächtig parkt er unser Gefährt, steigt aus, schnalzt ein paar Mal um ein Gefühl für die Größe des Carports zu bekommen und dann macht er sich schon direkt auf die Suche nach der Werkstatt. Die Stimme lässt sich hiervon nicht aus der Ruhe bringen und spricht weiter:

„Hier sollten Sie für’s erste sicher sein. Die Gegend ist fest in der Hand der Vory, das sollte einige zu neugierige Subjekte davon abhalten Sie zu stören. Doch machen Sie es sich nicht zu gemütlich, auch Sie haben hier immer noch den Status von Fremden. Spazieren gehen sollten Sie hier in der nächsten Zeit eher nicht. In zwei Wochen melden Sie sich bei Ihrem Kontaktmann, solange haben Sie die Möglichkeit sich hier häuslich einzurichten. Meine Herren, werte Dame, ich wünsche Ihnen noch einen ruhigen Morgen.“

Es knirscht kurz in der Leitung und die Verbindung ist beendet. Das ist auch das Zeichen für Tolstoy, der erst kürzlich den Angriff auf seine Stammkneipe mit ansehen musste und während der Anreise doch wieder mit seiner gewohnt stoischen Art vorlieb nimmt.

„Scheenes Haus, das hier ist, aber das Wetter… das ist ja genauso schlecht wie zu Hause. Ich jetzt gehen schlafen.“

Nickend schlurfen Floki und ich ihm hinterher die Treppe in den Wohnbereich hinauf. Vor uns öffnet sich eine Tür ins Paradies, so scheint es. Ein geräumiges Wohnzimmer mit großer Sofalandschaft, gut ausgestatteter Elektronik und lichter Fensterfront, daneben ein Esstisch und sogar eine richtige Küche, die sich hinter einer Theke befindet. Ein Gästebad neben der Garderobe und eine Treppe, die ein weiteres Stockwerk nach oben führt. Dort entdecken wir vier geräumige Räume, ausgestattet mit einem Schlafbereich, Kleiderschrank, einigen Regalen, einem kleinen Tisch und noch genug Platz, um einen stilvollen Teppich zu beherbergen. Hinter der letzten Tür befindet sich ein Traum von einem Badezimmer. Eine geräumige Dusche, eine freistehende Badewanne, zwei Waschbecken und allerhand Nippes, der mein Mädchenherz aufgehen lässt.

Nachdem ich die beiden hier raus verfrachtet habe, schließe ich hinter mir ab, zünde die Duftkerzen an, lasse heißes Wasser in die Wanne und entscheide mich bei diesem reichhaltigen Angebot an Schaumbädern, Badeölen, Salzen, Duschlotionen und diesen komischen kleinen Bällchen letztendlich für ein Mandel-Granatapfel-Ölbad. Während ich so vor mich hin döse und der seichten Jazzmusik aus dem vorigen Jahrhundert lausche, drängen sich langsam aber sicher die Ereignisse der letzten Tage in mein Gedächtnis. Ein Mensch ist aufgrund meines sehr aktiven Zutuns tot, ein anderer hat sich innerhalb weniger Tage in einen Drachen verwandelt. Wir sind überstürzt geflohen nachdem zum zweiten Mal irgendeine miese Kröte meinte, mal wieder einen Fleck Erde in Schutt und Asche legen zu müssen, nur weil ein… ähm… Freund dort Spuren hinterließ. Und nun? Wir sitzen in einer unbekannten Stadt, in einem schieren Traumhaus, das man uns einfach so als Wohnsitz überlässt, und werden von einem uns völlig unbekannten Auftraggeber protegiert, aufgrund sich nur teilweise zeigender Gründe. Und selbst die Frage, ob man diese Gründe wirklich vollends verstehen will, kann man nicht wirklich beantworten. Ich seufze… und fluche. Schon wieder dieser verdammte Schmerz im Brustkorb, das kann doch nicht wahr sein. Ich taste danach und fühle nur das leichte Knirschen, das gerade wieder in einen unbändigen Schmerz kulminiert und in meinem Kopf wieder alles zum Drehen bringt.

Irgendwann werde ich wach, weil es an der Tür hämmert: „Eff?! Willst Du vielleicht auch etwas essen?!“

Tolstoys Stimme zerrt mich wieder zurück in die Realität. Ich steige aus der Wanne und mein Blick streift den Spiegel. Erschrocken bleibe ich stehen, als ich die große Wunde an der Stirn sehe. Damit wäre wohl auch dieses unerträgliche Hämmern in meinem Kopf erklärt. Ich nehme ein wenig Wasser aus der Wanne und entferne überschüssigen Schorf. Dann suche ich genauer. Meine rechte Seite ist übersät mit Hämatomen, die am Arm befinden sich im Gegensatz zum Rest bereits im Endstadium. Immerhin den vermutlich gebrochenen Arm konnte ich also selbst kurieren. Vor der Tür höre ich unverhohlenes Johlen als ich mich nach meiner Kleidung bücke. Zu mehr als ein paar wüsten Beschimpfungen reicht meine Laune nur gerade nicht aus. Ich ziehe mich an, öffne die Tür und stehe vor dem Oger und dem Rattenposer, die sich gerade nicht entscheiden können, ob sie sich über die wirklich flächendeckend vorhandene Überwachungstechnik freuen, oder doch lieber darüber klagen, dass ich offensichtlich wieder meine Klamotten angezogen habe.

„Essen wäre vielleicht nicht schlecht. Aber danach wäre ich sehr glücklich, wenn Ihr mich zu einem Arzt bringen könntet.“

Da es für uns alle so ungewohnt ist an einem Esstisch zu sitzen, verputzen wir unseren Eintopf auf der Couch, während gerade Nachrichten über den Tridprojektor flimmern. Der übliche Kram der letzten Tage wird aufgewärmt, vor allem die Stadtkriegliga ist Gegenstand ausführlicher Berichte. Anscheinend reißt die Siegesserie der Frankfurter nach der straffen Neubesetzung ihres Teams nicht ab. Die Hamburger hadern offensichtlich mit ihren erst kurzfristig eingesprungenen Spähern.

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