Fantastische Geschichten von unterwegs

Hier kommt Kalle

kalle

Zu dritt machen wir uns am späten Nachmittag auf den Weg zu diesem „Arzt“, den wir kurz zuvor in einer ausführlichen Kontaktliste gefunden haben, die sich bereits im Haussteuerungssystem hinterlegt war. Wenn das Haus schon unverschämt komfortabel ist, scheinen die Infos wohl sehr viel verlässlicher als alle Ergebnisse, die man als ahnungsloser Neuling in dieser Stadt selbst finden kann. Noch ein kurzer Anruf und der Termin steht.

Am Ende einer schmalen Gasse, die gerade ein paar Zentimeter breiter als unsere Karre ist, finden wir einen heruntergekommenen Eingang mit einem blank polierten Messingschild rechts daneben:

Dr. med. Jurij Andrejewitsch Schiwago
Reparaturen und mehr…
Sprechzeiten nach Vereinbarung

Tolstoy und ich steigen aus, klingeln und winken in die Überwachungskamera, als gerade schon eine Drohne öffnet und uns hinein führt. Floki verabschiedet sich hektisch und versucht irgendwie fluchend die Karre im Rückwärtsgang aus dieser Gasse zu buchsieren, nur um am nächsten Tag dasselbe Manöver wieder auszuführen, weil er vergessen hat, direkt rückwärts hinein zu fahren, als er mich abholen kommt. Der Oger hat sich dagegen spontan dazu entschlossen etwas länger zu bleiben um seine kürzlich verdienten Euro gegen dauerhaftere Investitionen zu tauschen.

Während Floki in diesen Tagen offensichtlich die Heimelektronik genießt, indem er in Schlabberklamotten auf dem Sofa rumliegend alberne Mangatrids über den Projektor flimmern lässt, aber ihnen nur wenige Sekunden Aufmerksamkeit schenkt, da er sich seinen Matrixrecherchen widmet, statte ich dem Talisshop, dessen Adresse sich in unserer Sammlung befindet, einen Besuch ab. Lange muss ich die Adresse suchen, da mein Navi mich immer wieder in eine Straße abbiegen lässt, die sich als eine steinerne Hauswand herausstellt. Nachdem ich einen halbwegs abgelegenen Stellplatz für mein Bike gefunden habe, untersuche ich die Hauswand genauer und finde einen kleinen Hebel, den ich hinunter drücken kann. Eine offensichtlich getarnte Tür öffnet sich und mir weht direkt eine dicke Wolke Copal entgegen, die mich beinahe wieder rückwärts umfallen lässt. Nach einem kurzen Augenblick haben sich meine Atemwege beruhigt und ich trete ein.

„Aber Kindchen, wo kommst Du denn her?! Komm erstmal rein und setz‘ Dich zu mir.“

Völlig erschüttert von dieser Aufforderung folge ich ihr erst einmal ohne darüber nachzudenken und lande damit auf einem knarzenden Holzhocker, neben dem eine uralte Zwergenfrau mit einer wilden Zopffrisur steht. Ihre Kleidung ist sauber farblich aufeinander abgestimmt aber schlicht, einziges Highlight ist ein breiter Ledergürtel, an dem ein aufwändig geschnitztes Knochenbeil baumelt. Während wir ins Gespräch kommen, stellt sich die Alte als Grid vor, die offensichtlich ihre Ähnlichkeit zu einer der Nornen ganz bewusst zu unterstreichen versucht. Jeden Versuch mich bei ihr bekannt zu machen wiegelt sie mit einem verständnisvollen „Kindchen“ ab, worauf folgend sie mir immer wieder Tee in eine Tasse schenkt und mich zum Trinken auffordert, ein Verhalten das ich so nur von meiner alten Großtante Nolwenn kenne, die mich damals in meinen Kindertagen schon auf diese Weise tröstete, wenn ich mal wieder schlecht geträumt hatte. Ich genieße es förmlich mit ihr über allerhand Dinge zu sprechen, in ihrem Laden herum zu stöbern, den Geschichten der Frau zu hören, die vermutlich so alt ist, wie die Sechste Welt selbst. Beinahe jeden Tag besuche ich sie nun, einfach nur weil der beißende Rauch in den Augen allein schon sehr viel angenehmer ist als dieses Haus, was mir immer wieder vor Augen führt, in welcher völlig irren Situation ich mich eigentlich befinde.

Kurz nachdem Floki den Oger wieder nach Hause verfrachtet hat – natürlich hat er wieder vergessen rückwärts die Gasse zu befahren –, klingelt sein Komm. Nach einigen Minuten der Konversation, während der Floki seine dreckige Wäsche von der Couch pflückt und diese wie wild durch das Haus räumt, damit Tolstoy den Platz nun einnehmen kann, legt er auf.

„Das war Xun, er möchte vorbei kommen. Vielleicht ist das vierte Zimmer für ihn gedacht. Wir sollten etwas zu Essen besorgen.“

Mehr war für uns alle dazu nicht zu sagen. Wortkarg räumt Floki weiter seinen Müll der letzten Tage weg, während Tolstoy bei jeder Bewegung noch leicht ob der veränderten Befindlichkeit stöhnend auf der Couch hin und her rutscht. Ich habe langsam ein wenig Übung im Kochen, oder zumindest im Nachkochen von Rezepten, und versuche mich an diesem Abend an einem thailändischen Curry mit Früchten. Selbst nachdem es an der Tür klingelt, wir alle Xun herzlich begrüßt haben und er mit einem dampfenden Sencha am Esstisch sitzt, reden wir alle nur sehr wenig. Xun versucht das Eis zu brechen:

„Ich habe einen Geist gejagt, in der Nordsee, das war echt krass…“ Es kommt keine Reaktion. „Wie geht es Euch denn?“ Mehr als ein leichtes Nicken ist von niemandem zu bemerken und auch Xun lässt langsam enttäuscht die Schultern hängen. Niemand schafft es offensichtlich auch nur den leisesten Anschein von Normalität aufrecht zu halten. Ich seufze laut und bitte Tolstoy darum, den Projektor mal für eine kurze Zeit auszuschalten.

„Es geht uns soweit gut, wenn man in dieser Situation davon sprechen kann. Tolstoy hat sich in den letzten Tagen ein bisschen was einbauen lassen, Floki ja… keine Ahnung, hat auf der Couch rumgegammelt, ein bisschen am Auto rumgebaut und anscheinend noch ein Boot gefunden, das uns hier überlassen wurde. Die Bude hier ist übrigens wirklich schön, hat alles was man braucht. Viel besser als bei Holger, vor allem wenn die Küche nicht durch einen Troll schon komplett voll ist.“

Ansonsten murmele ich weiter vor mich hin, beschwere mich darüber, was in der letzten Zeit passiert ist und seufze wieder vor mich hin, nur um dann lautstark nochmal mein Entsetzen darüber zu äußern, dass ich beinahe von einem dämlichen Magier umgenietet wurde, nur um diesen dann umzunieten. Mit einem Schlag weicht die gedrückte Stimmung einer regen Diskussion. Tolstoy bemüht sich darum, mir zu erklären, dass man manchmal keine andere Wahl hätte, und Floki traut sich als erster Xun nach seinem Befinden zu fragen. Offenbar ist es nicht unbedingt die leichteste Situation, wenn man sich plötzlich als Drake auf der Flucht vor zwei Konzernen befindet. Wir reden noch lange weiter, während mein Curry offensichtlich den Geschmack meiner Freunde trifft. Ich brauche immer noch einen kurzen Moment, wenn ich in Gedanken von Freunden spreche, aber es wird langsam etwas normaler. Nach diesem Abend steht es für keinen von uns mehr außer Frage.

Am nächsten Tag sind wir endlich mit diesem Kalle verabredet. Niemand hat wirklich Lust darauf, dass es nun wieder so etwas wie „Arbeit“ geben soll; die zwei Wochen Ruhe waren einfach zu verführerisch. Doch nachmittags machen wir uns wie geplant auf den Weg zu Kalle’s Wonderland.

„Sagt mal, Jungs, im Deutschen gibt es doch keinen Genetiv-Apostroph, lediglich wenn das Subjekt auf auf S oder Z endet wird zur Verdeutlichung ein Apostroph angehängt, oder?“ … aber mehr als ein paar ungläubige Blicke bekomme ich nicht als Antwort. Ohne weitere Kommentare betreten wir das Wunderland nun also und wir befinden uns schlagartig in einem wirklich Wunderland. Jeder springt abwechselnd in eine andere Ecke, in der das ein oder andere spannende Tool findet; es gibt einfach alles, was das Runnerherz begehrt, und noch viel mehr. Im fünften Stock werden wir nun in einen VIP-Bereich gelotst. Einige Drohnen schwirren um uns, bieten uns einen Platz an, machen Kaffee und passen die Beleuchtung an. Unser Blick schweift auf eine Reihe von mehr oder weniger erotischen Spielzeugen aller Arten und jeder Couleur, die auffällig drappiert dem Besucher dargeboten werden.

Nach kurzer Zeit nähert sich uns wackelnd eine kleine Silouette, die sich als kleiner, kastiger Zwerg entpuppt, der sich erst einmal kräftig mit seinen Schlangenhänden in der Nase bohrt. Eine der Drohnen richtet einen Spot auf den Minibodybuilder, dessen Kleidung so geschnitten ist, dass sie alle seine angeblichen Vorzüge ins rechte Licht rücken soll: die muskulösen Arme, der ausdefinierte Oberkörper und vor allem die nicht zu übersehende stattliche Beule in der Schrittgegend. Offensichtlich versucht er, ohne einen Hehl daraus zu machen, mit so manchem Troll zu konkurrieren.

„Moin, Ihr seid wohl das Runnerteam aus dem Pott. Na denn, kommt mal mit!“

Er führt uns in einen Raum, den er als „sein Büro“ bezeichnet, aber eher dem Zimmer eines kitschigen Stundenhotels ähnelt.

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