Fantastische Geschichten von unterwegs

There is no octopussy at all

octopussy

„Dieser Auftrag ist zunächst mir ein persönliches Anliegen. Ein Frachtcontainer, der in diesen Tagen im Hamburger Hafen angelandet ist und von mir georderte Ware beinhaltet, ist aus unerfindlichen Gründen verschwunden. Im Lagersystem ist er als am Lager befindlich gelistet, eine Kameraaufnahme dieses Lagers zeigt jedoch, dass dem offensichtlich nicht so ist. Findet den Container und sichert ihn. Ich möchte keine Zeugen und auch keine potenziellen Gefangenen. Zu deren persönlichem Befinden sollte sich keiner dieser Wichser mehr lebendig im direkten Umfeld meiner Ware befinden.“

Genau in diesem Moment schlucken wir alle, besonders Xuns und mein Gesicht erstarrt merklich, aber wirklich kalt lässt das auch die anderen beiden nicht. Währenddessen beginnt auch Kalle seinen Monolog durch wilde Grimassen zu unterbrechen. Zwischen den einzelnen Wortfetzen atmet er immer wieder hektisch ein und aus und blinzelt nervös. Er schafft es sich gerade noch rechtzeitig umzudrehen, bevor sich explosionsartig eine riesige Menge blutiger Schmodder aus seinen Atemwegen entlädt und sich über die Satinbettwäsche seines Bettes, oder wie er wohl sagen würde „seines Schreibtisches“, ergießt. Kommentarlos steht er auf, während zwei Putzdrohnen direkt beginnen das Schlachtfeld zu räumen. Derweil versuchen wir uns nichts anmerken zu lassen.

„Ein Mitarbeiter von Calmar Boats & Subs namens Max Miliz war zum Zeitpunkt der Ankunft Schichtleiter, das sollte ein erster Hinweis sein. Ich bietet Euch 20.000€ und Stadtpässe für Harburg, die Euch die örtlichen Schutzgeldbeauftragten vom Leib halten. Brecht meinetwegen direkt auf.“

Wir nicken kurz und verschwinden aus dem Hinterzimmer. Auf dem Weg zum Ausgang sondieren wir wiederum alle das Angebot nach eventuell interessanten Gimmicks, doch diesmal soll es noch nichts sein. Mit vier Tassen Soykaff und einer Tüte voll süßer Teilchen vom nächsten Backshop setzen wir uns ins Auto. Floki durchkämmt die Matrix nach Calmar und Max Miliz, während Tolstoy von den ausliegenden Waren schwärmt. Ich versuche derweil meinen Ekel vor Kalle zu verdrängen, um irgendwie dieses Croissant heil in meinem Magen zu verfrachten. „Sollen wir wirklich einfach alle umlegen?“ fragt Xun. „Bisher habe ich es immer als höchst unprofessionell empfunden Blutlachen zu hinterlassen und jetzt kommt ein verdammter Killjob!“
„Mir ist das auch zutiefst zuwider, genau wie der ganze Typ allein schon. Diese olle Koksnase sollte man in Zukunft nicht mehr ohne Einwegregenponchos besuchen. Wer weiß wie viele seiner …in Anführungszeichen… Mitarbeiter von ihm einfach mal so Opfer eines Rotzeangriffs werden. Bah!“
„Wisst Ihr, lasst die Koksnase doch rotzen. Was sollen wir tun? Werden wir die Leute nicht beseitigen, wird er sie beseitigen… und das dauert sicher sehr viel länger.“
„Tolstoy hat Recht, übrigens rühmt sich unser Schichtleiter gerade auf dem Fratzenbuch mit seiner nagelneuen BMW Blitzen. Da könnte man mal nachhaken, oder? Und krümelt ja nicht in die Karre!“

Der Wagen springt an und macht sich ohne Umwege auf nach St. Pauli, irgendwo an einer Hauptverkehrsachse stoßen wir in den geschäftigen Kiez. Schnell entdecken wir zwischen allerhand Leuten eine nagelneue und fleckenfreie Blitzen, daneben ein dickbäuchiger Schmierling, der so guckt als hätte er was zu melden. Nach einem kurzen Augenblick, den wir ihn weiter beobachten, stellt sich jedoch heraus, dass er zum einen definitiv nicht der gesuchte Miliz ist und zum anderen nur ein kleines Licht, das sich zwischendurch mehr oder weniger unbemerkt am Schritt kratzen möchte und seine sichtliche Nervosität durch verschiedene Ablenkungsmanöver zu kaschieren versucht. Nach einem kurzen Moment steigt Tolstoy aus dem Wagen und geht zielstrebig auf den werten Herren zu:

„Guten Tag, ich bin auf der Suche nach einem….. ähm… Max Miliz. Die Chinterradschwinge seines Motorrads chier soll getauscht werden. Das ist wohl das gute Stück, wenn ich mal kurz Maß nehmen dürfte.“ Er legt kurz ein Maßband an den Hinterreifen und nickt mehrmals kompetent.
„Könnten Sie mir denn sagen, wie ich ihn, den Cherren … Miliz, erreichen könnte, um ihm mein Angebot zu übermitteln. Wohnt er denn chier?“
„Ähm, für 500€ sage ich Dir gerne, wo er wohnt.“
„Aber, mein Freund, sie es mal so: Ich biete Dir chier einen Freundschaftspreis an… damit Du auch gleich noch mein Freund sein kannst…“
„Ähm…. aber, aber…“
„Sie es mal so: Vielleicht bist Du gleich nicht mehr mein Freund.“ Tolstoy nickt verständnisvoll während sein „Freund“ gerade etwas entsetzt guckt. Um sie herum laufen noch immer Massen von Menschen die Straße entlang, doch niemanden scheint die Szenerie gerade zu interessieren.
„Gut, gut… ich sage Dir, wo Max wohnt und gebe Dir 1000€. Dafür darf ich die Maschine behalten. Siehst Du hier an der Ecke das Sarghotel? Darüber befinden sich Appartements, 3. Etage, Nr. 422, da wohnt er. Er ist auch zu Hause.“
„Siehst Du mein Freund? Am Ende ist doch alles ganz einfach. Bis gleich!“

Tolstoy winkt kurz zu uns rüber, Xun und ich machen uns bereit. Mit Flokis Spielzeug im Rucksack gehen wir zu ihm und betreten das Gebäude. Die Sonnenbrillen auf der Nase und möglichst darum bemüht, die Geräusche und vor allem die Gerüche ringsum nicht wahrzunehmen, bewegen wir uns in die zweite Etage. Einige Meter weiter den Gang hinab, direkt vor dem Aufgang zur dritten Etage, sehen wir einen Sicherheitsmann, der offensichtlich dafür bezahlt wird, diesen zu bewachen. Da es, wie unsere Intuition uns sagt, zumeist auch nur bei dem dafür bezahlt werden bleibt, gerade in so einer Gegend, öffne ich meine Motorradjacke um die paar strategischen Zentimeter, rücke meine Haare zurecht und marschiere zielstrebig auf den Herren zu.
„Guten Tag der Herr, ich möchte zu einem Herrn Max Miliz.“
„Wieso?!“ blafft es mir entgegen, doch ich reagiere mit einem lockeren unverbindlichen Lächeln.
„Wissen Sie, der gute Herr hat sich mit seinem neuen Motorrad ein wenig überschätzt und möchte es gerne an jemanden abtreten, der damit umgehen kann. Ich werde erwartet.“
Nachdem Xun und Tolstoy noch ein paar Mal ernst geguckt haben, um meine Worte zu unterstreichen, ist auch der Wachmann davon überzeugt, weist uns den Weg zum nahe gelegenen Aufzug und bittet uns hinein.

Kurz darauf öffnet sich auch schon die Tür des Aufzugs und entblößt einen heruntergekommenen Flur, direkt über unseren Köpfen hängt eine Kamera. Tolstoy guckt kurz und dreht die Kamera so, dass ihre Linse gegen die Decke gerichtet ist. Wir laufen den Gang entlang, bis wir bei 422 ankommen. Ich klopfe kurz und nach kurzer Zeit finde ich auch eine Lücke zwischen den Beleidigungen, die aus der Tür dringen.
„Herr Miliz, wie vereinbart bin ich wegen ihres Motorrades gekommen.“
„Was?!“
„Sie wollten es doch veräußern. Ich mache einen guten Preis.“
„Hau ab Du Schlampe, warum sollte ich mein neues Bike verkaufen?!“

Ich zucke deutlich sichtbar mit den Schultern und gehen einige Meter zur Seite. Einige Minuten später klopft Tolstoy und bekommt direkt eine Antwort:
„Hau ab, ich habe der Schlampe schon gesagt, dass ich das Motorrad nicht verkaufe!!“
„Das Motorrad unten vor der Tür?“
„Verpiss Dich!“
„Ich wollte nur anmerken, dass eben jene Schlampe gerade die Reifen Ihres schönen Motorrads zerstochen hat.“

In diesem Moment öffnet sich schlagartig die Tür, ein Gesicht rennt mit Anlauf gegen Tolstoys ausgestreckte Faust, zerplatzt im nächsten Moment blutspritzend und kulminiert in ein sirenenartiges Gejaule, das nur noch um so lauter wird, als Tolstoy den prahlerischen Schichtleiter am Kragen packt und in seine Wohnung zerrt. Ich folge, mit direktem Weg zum Motorradschlüssel, den ich kommentarlos aber gut sichtbar in meine Jackentasche wandern lasse, kurz nachdem Xun die Tür hinter uns geschlossen hat. Sobald Miliz wie ein Häufchen Elend auf seinem Küchenstuhl Platz gefunden hat, bricht es aus ihm heraus, ähnlich wie das Blut aus der Stelle seines Gesichts, wo bis vor kurzem noch eine Nase statt eines zertrümmerten Kraters zu sehen war.

„Ich habe mir Geld geliehen…  vom Moluku MC, so einer dämlichen Motorradgang, einem miesen Haufen von Nordafrikanern und Kannacken. Die haben mich gezwungen, ihnen Zugang zu einem Container zu gewähren. Wisst Ihr? Ich konnte nicht zahlen, weil die Zinsen und überhaupt… Ja, was hätte ich tun sollen?! Die haben ihn abgeholt und zu einem Umschlagplatz im Industriepark in Altona gebracht. Das schien ein guter Deal, da sie versprochen haben, mich in Ruhe zu lassen… Ich wollte doch nicht mehr… Mehr weiß ich auch nicht, aber bitte lasst mich am Leben! Ach Scheiße!“

Tolstoy nimmt kommentarlos eine Packung Tiefkühlmais aus dem Kühlfach und drückt ihm diese ins Gesicht. Nach einem kurzen Stöhnen beruhigt sich der Haufen auf dem Stuhl langsam. Der Oger beschwichtigt…

„Weißt Du, so ist das Leben. Lass Dich nicht mit Motorradgangs ein! Mach nie wieder so einen Scheiß… und naja, mit so einem Gesicht, weißt Du? Damit kannst Du in den nächsten Monaten eh kein Motorrad fahren. Aber wir rufen Dir gerne noch einen Arzt.“

Nachdem Schiwago benachrichtigt ist und auch der Motorradschlüssel gegen die vereinbarte Summe seinen Besitzer gewechselt hat, brechen wir nach Altona auf. Direkt zwischen den Logistikzentren der AG Chemie und real finden wir eine relativ heruntergekommene Lagerhalle, deren Sicherheitssysteme auf den ersten Blick eher marginal zu sein scheinen. Neben einem klapprigen Zaun, einem Kameramast und einigen dubiosen Warnschildern auf der Rasenfläche weist nichts auf eine nachhaltige Sicherung des Gebäudekomplexes hin. Der Vorsicht halber entschließe ich mich dennoch dazu, einen kurzen Blick zu wagen, und bitte Floki darum, die Musik im Auto etwas lauter zu drehen. Ich nicke für kurze Zeit mit dem Kopf im Takt mit bis mein Körper schließlich in sich zusammensackt. Gerade noch rechtzeitig schaffe ich es mir Hasenohren zu zeigen, bevor mein Kopf durch meinen Arm hindurch fällt und auf das Sitzpolster sinkt. Leider hat außer meinem kichernden kleinen Freund niemand den Spaß registriert.

Es ist kurz vor Sonnenuntergang und wir haben nicht viel Zeit. Deswegen machen wir uns zügig auf, lassen einige Herden von Watchern hinter uns, die sich momentan nicht weiter für uns zu interessieren scheinen. Im Lagerhaus selbst finden wir schnell den gesuchten Container, darum sechs Auren mehr oder weniger modifizierter Menschen verteilt. Zwei davon schlafend in den Hochregalen, aber alle sind offensichtlich bewaffnet.

Kurz darauf sitze ich wieder im Auto und instruiere meine Freunde über die Situation. Wir beratschlagen uns kurz und entschließen uns für den kurzen und möglichst schmerzlosesten Weg, die Infiltration. Jeder so, wie er am besten kann. Einige Zeit nach Sonnenuntergang machen wir uns auf. Xun und Tolstoy nehmen den Hintereingang, Floki steuert eines seiner Spielzeuge zum Dachfenster und ich begebe mich, wieder gemeinsam mit meinem lindwurmartigen Gefährten für diesen Abend, auf Position innerhalb der Halle. Sobald Xun sich in Position geschlichen hat und Tolstoy herein stürmt, überlasse ich klein Fafnir die Arbeit. Wider meines Erwartens scheint es plötzlich sehr einfach und schnell mal eben sechs Menschen ihrer Existenz zu berauben, doch als ich sehe, mit welcher Mannschaft Kalle anrückt, um den gesicherten Container zu bergen, bemitleide ich die Situation um ein vielfaches weniger. Während der ein LKW den Container abtransportiert, steigt ein Zwerg in Anglerhosen und mit dicken Gummihandschuhen geschützt aus einem Pickup mit der Aufschrift „Klomann hilft!“ und sammelt alle Überreste auf, bevor er die übrigen Spuren weniger fein säuberlich als mit der groben Kelle beseitigt. Bei einem kurzen Blick in das befindliche Gefährt stelle ich schnell fest, dass er auch zur Not vor noch lebendigen Zeugen gefeit ist. Das will aber wohl wirklich niemand miterleben müssen.

Nachdem Tolstoy und Xun die uns versprochene Bezahlung ausgehändigt wurde machen wir uns auch schon auf den Heimweg. Ich verabschiede mich dankend bei klein Fafnir und verspreche den Jungs mich heute an einem Rezept für Borschtsch zu versuchen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s