Fantastische Geschichten von unterwegs

Riders on the storm

storm

Seit Tagen nun regnet es in Hamburg ununterbrochen. Auf der See toben unerbittliche Stürme. Kein Tagesgeschäft mehr möglich, liegt der Hamburger Hafen brach wie eine Geisterstadt. Nicht einmal mehr die Flaggen an der Einfahrt zum Hafenbecken wurden noch eingeholt und trotzen den Orkanböen mit ihren letzten Fetzen. Auf der Reeperbahn drängen sich Massen von Gestalten. In den Ecken der Seitenstraßen die Junkies, mehr oder weniger Betuchte in den Amüsierbetrieben oder in den Warteschlangen davor und der Abschaum, der liegt völlig betrunken, benommen, sei es vor Hunger oder nur der üblichen Lethargie fröhnend, in der Gosse.

Die Bewohner des Megaplexes meiden in solchen Tagen die hafennahen Viertel der Stadt wohl wissentlich. Selbst wenn die Schuldbildung etwas anderes vermuten lässt, ist sich niemand so sicher, dass er sich nicht vielleicht durch die bloße Anwesenheit in diesem Umfeld mit allerhand Geschlechtskrankheiten oder exotischen Erregern ansteckt. Manch anderer befürchtet auch nur bei dem Versuch eine schnelle Nummer mit einer der Huren zu schieben, in dieser doch wieder die eigene Ehefrau zu erkennen. Es gibt derzeit nur zwei Alternativen: entweder man ist draußen, da ist es nass und kalt, oder drinnen, da ist es zwar nicht kalt, aber trotzdem nass. Die Spelunken sind voll mit Menschen und ihren Ausdünstungen und auch zu Hause versagt jede Raumklimatisierung, da jeder Versuch der Lüftung Unmassen an Wasser mit sich bringt. Doch für den gemeinen Hamburger ist das nur ein Existenzmodus von vielen, denn Stürme gibt es schon beinahe so lange wie Hamburg, sagt man sich.

Floki bemerkt von all dem nichts in seiner Werkstatt unter dem Harburger Loft, in das es uns verschlagen hat. Er bastelt euphorisch am Inhalt mehrerer Kisten, die er wild in die Ecke geworfen hat. Sie alle tragen recht versteckt auf dem Boden, aber – wenn man genau hinsieht – recht deutlich das Emblem eines Molches. Laut dröhnt die Musik aus den Boxen, eine Mischung aus miesem Schranz der letzten Monaten und einigen Perlen hochwertiger Gitarrenmusik des letzten Jahrhunderts. „Was ist das denn für eine bildungsbürgerliche Scheiße?! Man… O… War…? Das ist ja total schrecklich!“ Hektisch drückt er auf auf dem Steuerpanel rum, in der Hoffnung dieses Unglück schnell zu beenden. Xun und ich sitzen derweil oben im Wohnzimmer und begutachten das Geschenk, das ihm Athan von der Merrow übergeben hat. Wir beide blicken etwas ratlos drein, während wir unsere Suppe löffeln.

„Weißt Du was? Ich nehme Dich morgen einfach mal zu Grid mit. Sie ist wirklich sehr nett und kann uns sicherlich weiterhelfen. Mehr als das kriege ich leider gerade nicht raus.“

Während lediglich der ufernahe Fährbetrieb und zwei Frachtkonvois der höchsten Sicherheitsstufe noch verkehren, füllt sich langsam aber sich mit den hereinbrechenden Nachtstunden der Longarm Lieutenant. Tolstoy versucht noch irgendwie eine letzte trockene Stelle unter dem Vordach zu finden. Die üble Klientel ist er sonst auch gewohnt, doch an diesem Abend ist es ihm wirklich zuwider, auch wenn es ihm sonst immer sehr wichtig war einen stabilen Nebenverdienst zu haben. Mit seinen Qualifikationen ist er in der Sicherheitsbranche definitiv gut aufgehoben. Über einige bessere Arbeitstage der letzten Jahre sinnierend, tätschelt er bedächtig die Beule in der Seite seiner Jacke. Ja, gerade Natascha war ihm immer eine treue Begleiterin und in so manchen Nächten war er dankbar für ihre Hilfe. Von innen dringt plötzlich ein lautes Toben an sein Ohr. Binnen kürzester Zeit findet Tolstoy seine Lebensgeister, stürmt in den Laden – endlich ins Trockene – , direkt auf einen größeren Tumult zu. Nataschas Stunde hat an diesem Tag geschlagen. Noch während er läuft zieht er den handlichen Metallknüppel aus seiner Jacke.

„Wenn Ihr Euch schon prügeln müsst, macht das doch immerhin draußen. Da muss sich wenigstens niemand um die Reinigung kümmern, ihr Flachpfeifen!“

Doch sein grandioser Auftritt scheint nur die die Hälfte der Beteiligten wirklich zu erschrecken. Als sie den stahlverstärkten Oger wie eine Dampflok auf sich zu stürmen sehen, nehmen sie direkt die Flucht auf. Drei weitere Gestalten scheinen die wilden Flüche allerdings nicht wirklich zu beeindrucken. Tolstoy fliegt sofort die Faust eines aufgebrachten Orks um die Ohren. Dieser guckt dann aber doch etwas erschrocken, als er metallisches Klirren an der Stelle vernimmt, wo er die Schulter des Türstehers vermutet hat.

„Dummer Junge, was machst Du auch für Sachen. Meine Laune ist schon so schlecht wie Wetter.“

Einen gekonnten Schlag mit Natascha ins Gesicht des Orks später, nimmt er damit Vorlieb sich winselnd aus dem Longarm Lieutenant zerren zu lassen. Erst am nächsten Tag wird er wieder die Gelegenheit haben, sich darüber zu ärgern, dass einige seiner Zähne noch auf dem klebrigen Kneipenboden liegen. Gerade während Tolstoy wieder hereinstürmt, passiert ihm der Fehler an diesem Abend, der selbst das letzte bisschen Laune vertreiben wird. Er hat nicht bemerkt, dass der Tumult nur ein Ablenkungsmanöver einer abgebrannten Crew eines der Frachtschiffe war, die im Hafen mehr oder weniger sanft von der einen Seite auf die andere wiegen. Das eigentliche Ziel war somit nicht die Revanche für so einen versoffenen Volltrottel, der aus irgendwelchen erfunden Gründen die Ehre des einen besudelt hätte – mehr als etwas über die Mütter der Beteiligten war nicht herauszufinden. Vielmehr hat sich der Zwerg der Crew klammheimlich zur Kasse an der Theke begeben, diese geleert und sich mit einem prall gefüllten Sack Credsticks und sogar ein paar antiken Münzen wieder auf den Weg nach draußen gemacht. Als Tolstoy die Situation überblickte, nach dem Wicht greifen möchte, um ihm – wie er es gerne ausdrückt – „eine Rundreise in der Welt der Schmerzen zu ermöglichen“, reicht es nur noch für ein paar unanständige Flüche. Ein übrig gebliebenes Crewmitglied hat gerade sein Messer erfolgreich in Tolstoys Oberkörper versenkt.

„Du verfickte Scheißgeburt von einem Hurensohn! Was soll das?! Habe ich noch nicht mal Gelegenheit gehabt, Dir vorher weh zu tun.“

Und so beschloss Tolstoy die Kasse Kasse sein zu lassen, wenn er doch noch ein letztes bisschen Aufmunterung gerade vor sich hat, während er entspannt das langsame Knacken und Knirschen der Knochen seines Gegenübers vernimmt, den er einfach nur sehr, sehr fest an seinem Arm hält. Er verdreht ihm den Arm, nimmt das Messer an sich, lauscht dem Knackgeräusch, seufzt, und zerrt auch ihn nach draußen. Doch statt ihn einfach nur schwungvoll vor die Tür zu befördern, wählt er die Flugbahn so, dass sie zur unweigerlichen Kollision mit einem Laternenmast führt.

Wenig später, auf dem Heimweg, sieht Tolstoy, wie sich die aufgehende Sonne versucht ihren Weg durch die dichten Regenwolken zu bahnen, doch mehr als ein bisschen diffuses Leuchten zwischen den kontinuierlich prasselnden Regentropfen soll es auch im Laufe des restlichen Tages nicht werden. Völlig erschöpft fällt er zu Hause angekommen schließlich in sein Bett. Erst am Nachmittag wacht er wieder auf, als ihm der sanfte Duft von Soykaff aus der Küche entgegen weht.

Während Xun und ich, wie häufig in diesen Tagen, in der Küche sitzen und auch mal wieder Floki davon überzeugen wollen, mal kurz von seinem Spielzeug abzulassen, melden sich unsere Kommlinks. Hamburg-Buchholz, in eineinhalb Stunden… und es ist Feierabendverkehr.

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