Fantastische Geschichten von unterwegs

Cornuus Ingentis

cornuusingentis

Floki nimmt den mitgebrachten Winkelschleifer in die Hand, schaltet ihn ein und setzt am ersten Horn an. Während der Sägestaub fliegt und nach verbranntem Haar stinkt, senkt sich die Schleifscheibe in das Material und trennt das Horn vom Kopf den widerspenstigen Kapitäns. Dann noch ein zweites Mal und ein drittes Mal. Lediglich das letzte spitz nach oben stehende Horn verbleibt seinem angestammten Ort, einem fluchenden Häufchen Elend, das sonst eher die Gestalt eines stattlichen Trolls hat. Tolstoy sieht dem Gequälten dabei zu, wie er immer kleiner wird, aber wie sich auch immer mehr Wut in ihm sammelt.

Derweil stapfen Xun und ich wieder auf Deck, nachdem die gesuchte Ladung auf unserem Boot sorgfältig verzurrt wurde. Noch immer regnet es aus Eimern. Der Wind pfeift uns um die Ohren, wie er das seit Wochen bereits tut. Unser Weg führt uns in die Kapitänskajütte, in der sich unser russischer Freund gerade dem Häufchen Elend auf dem Boden widmet. Als Nierholz sieht, dass wir wieder vollzählig sind, spricht er auf Deutsch weiter:

„In den Kisten befinden sich Waffen und Rauschgift. Wollt Ihr das wirklich? Ihr wisst nicht, mit wem Ihr Euch anlegt. Ich wollte nur die Chance nutzen, Euer Leben zu retten, aber so? So viel Geld könnt Ihr nicht bekommen, wie ein Leben wert ist!“

„Jetzt raus damit! Für wen war die Ware bestimmt?!“ blafft Tolstoy, der gerade sichtlich die Geduld verliert, ihn an.

„Das Lobatchevski-Syndikat. Für Sie war die Lieferung bestimmt. Damit seid Ihr sowas von tot!“

Wir stecken die drei Hörner als Trophäen ein und stapfen wortlos von dannen. Drohungen von einem wehrhaften Troll-Piraten scheinen uns zwar nicht die netteste Art des Umgangs zu sein, aber es hätte schlimmer kommen können. Seinen Versuch uns vom Schiff zu vertreiben konnten wir zum Glück vereiteln. Langsam aber sicher vom Wasser durchgeweicht und vom Gestank fauliger Fische und Abwässern mürbe stapfen wir weiter durch den Schlick der kleinen, versteckten Seitenbucht bei Elmshorn. Als wir wieder an unserem Boot ankommen, bedanke ich mich bei dem Pflanzengeist, der derweil die Ware bewacht hat, für seine Hilfe und wir brechen so schnell wie möglich wieder nach Hamburg auf. Mitten in der Nacht lenkt Floki unser neues Transportmittel über die schier unüberwindbaren Wellen, die der Sturm seit Wochen auf der Nordsee auftürmt. Von allen Seiten prasselt das Wasser gegen die kleine Kabine, sei es Regen oder das Wasser der berstenden Wellen, die wir mit einer schier unglaublichen Wucht durchschlagen. Alles um uns herum stinkt bestialisch nach dem Abfall- und Giftcocktail, der die Nordsee mittlerweile ist. „Kein Wunder, dass die Hexe auf dem Schiff mit der Zeit wohl wahnsinnig wurde“, denken wir uns. „Mit den üblichen Piratenabenteuern hat das wohl nicht mehr viel zu tun. Hier traut sich nichtmal mehr ein Davy Jones her“ murmele ich. Nur Xun macht keinen Anschein, dass ihn die Situation gerade stören würde. Tolstoy kämpft sichtlich mit seiner Verdauung, die sich bei jedem Schlag einer Welle aufs Neue zu Wort meldet. Langsam aber kontinuierlich bildet sich ein Film glänzenden Schweißes auf seiner Stirn, die wir noch nie so bei unserem Freund sehen konnten.

Wenig später passieren wir die Einfahrt des Hamburger Hafens. Niemand kommt auf die Idee mitten in der Nacht bei stürmischem Seegang unsere Ankunft zu registrieren, geschweige denn sich nach Ware zu erkundigen. Langsam tuckern wir zu unserer Anlegestelle, an der unser Auto bereitsteht. Nur der unsägliche Wind pfeift uns immer noch ununterbrochen um die Ohren, so laut, dass man sein gegenüber nicht einmal mehr versteht, wenn er einem direkt ins Gesicht brüllt. Kaum angelegt, beeilen wir uns möglichst beim Verladen, steigen in unser Auto. Auch wenn der Seegang nun endlich nicht mehr unsere Mägen auf eine harte Bewährungsprobe stellt, wird Tolstoy langsam aber kontinuierlich immer blasser um die Nase. Gerade erst wird mir klar, dass er sehr wohl weiß, woher wir die Lobatchevski kennen. “Sag mal, ist alles gut bei Dir?” Doch ich bekomme keine Antwort außer einem kurzen Schnauben. Wir fahren auf den Hamburger Autobahnring, gerade nachdem wir uns an einer Tankstelle noch schnell den üblichen Soykaff und ein paar Flaschen Wasser eingedeckt haben. Derweil ruft Tolstoy bei seinem Kumpel Stani an:

„Sag mal Stani, kannst Du mir vielleicht sagen, ob heute Nacht in Elmshorn eine Lieferung für die Vory aus Skandinavien ankommen soll?“ Jeder im Auto hört, wie Tolstoys Herz rast, während er am anderen Ende der Leitung nur quälend langes Tastaturgeklapper hört. Normalerweise pfeift er in solchen Situationen russische Kinderlieder, aber diesmal reicht seine Luft nicht für den Versuch einer Interpretation von Schtschedryk, die er nur nach ein paar Takten abbricht. „Wohin?“ fragt Floki. „Keine Ahnung, nur fahren. Bloß nicht nach Hause!“ Nach quälenden Augenblicken der Stille antwortet ihm Stani endlich:
„Ja, ein Nierholz soll vier Kisten abliefern, an die Lobatchevski.“
„Ähm ja, das wird nicht passieren. Wir hatten den Auftrag, die Ware an uns zu nehmen.“
„WAS?! Lasst mich in Ruhe, Ich weiß von nichts!“

„Stani hat einfach aufgelegt. Wir sind hinüber. Er war außer sich und hat einfach aufgelegt!“
”Was ist denn überhaupt los mit Dir?”
Floki guckt etwas verdutzt drein, während er sich zu uns dreht, ratlos mit den Schultern zuckt und nichts anderes zu tun weiß, als ungläubig mit dem Finger gegen Tolstoys Arm zu stupsen. “Die Vory… die Ware war für die Vory gedacht. Das Lobatchevski-Syndikat bietet uns hier gerade Asyl. Der Super-GAU ist passiert!” Die letzten paar Worte vermag er nur noch zu brüllen, doch die Anspannung wird nicht weniger in seiner Stimme. Langsam vergraben sich seine Fingernägel in seinen Oberschenkeln. Geschockt beobachten wir, dass er die übermächtige Kraft seines Cyberarms nicht immer zu dosieren weiß. Seine Hose färbt sich langsam rot ein als er die Finger von seinen Schenkeln nimmt. Keine Mimik rührt sich auf seinem Gesicht, nur ein Rinnsal Schweiß beginnt sich allmählich von der linken Geheimratsecke zu lösen und ihm ins Auge zu laufen. Er blinzelt kurz, nimmt ein Taschentuch aus dem Handschuhfach des Wagens und legt es sich auf den Oberschenkel. „Was können wir denn noch tun?“ fragt Xun. Als Tolstoy gerade die Varianten in seinem Kopf durch zu spielen beginnt, wird ihm noch übler:
„Wir könnten fliehen, aber dann finden Sie uns. Wir könnten so tun als wäre nichts, aber wir wohnen in einem ihrer Häuser und stehen unter ihrem Schutz. Wir könnten bitterlichst zu Kreuze kriechen und darauf hoffen, dass sie uns verzeihen. Doch ich habe noch nie von einem Fall gehört, in dem das geholfen hätte. Ruft vielleicht nochmal bei Eurer Mami an und sagt, dass Ihr sie liebt.“
„Oder wir liefern die Kisten ab, nehmen das Geld und machen uns noch ein paar schöne Tage“ fällt ihm Floki ins Wort. „Und sollten wir hier irgendwie doch heil raus kommen, können wir uns garantiert keine schlechte Reputation leisten. Job ist Job! Lasst uns nach Buchholz fahren.“

Tolstoy hört schlagartig auf nach der Telefonnummer seiner Mutter zu suchen, während sich die Horrorszenarien in seinen Gedanken immer weiterspinnen. Xun starrt in Gedanken aus seinem Fenster. Ein Versuch derweil Athan zu erreichen ist gescheitert. Ich fummele apathisch an meiner Maske, zupfe sie in Form, knülle sie zusammen, zupfe sie wieder auseinander… „Naja, was sollen wir gerade denn sonst machen? Wir erledigen unseren Job und hoffen darauf, dass die Geister sich etwas besseres ausgedacht haben, als ein schnödes Ende wegen vier Kisten. Und behalten sollten wir den Kram schonmal garnicht. Eigentlich – auch wenn es mir zuwider ist – hat Floki wohl Recht.“ Auch Xun nickt vorsichtig. Tolstoy senkt resigniert den Kopf, seufzt und nickt. „Fahren wir nach Buchholz.“

Kurze Zeit später kommen wir an. Es ist so früh, die Sonne denkt noch überhaupt nicht daran aufzugehen. Lediglich das Rascheln von Ratten im Müll und das Flackern der maroden Straßenbeleuchtung untermalt die Szene. Mit einem Knall fahren wir alle plötzlich hoch und schauen hektisch um uns. Tolstoy hebt instinktiv seine Schrotflinte vor das Fenster, doch eigentlich hat nur eine streunende Katze gerade einen Mülleimer in einer dunklen Ecke umgeworfen. „Immerhin sind wir früh genug, um den Bonus geltend zu machen“ murmelt Floki als er den Wagen in die Hofeinfahrt des ehemaligen Genossenschaftswohnhauses lenkt. Sobald man sich in den späten Nachtstunden in dieser Gegend aufhält weiß man, warum jedem “normalen Menschen” sonst davon abgeraten wird. Floki schaltet die Zündung ab, zieht den Authentifizierungschip ab und öffnet die Tür. Nur noch eine kleine Glühlampe am Ende des Tunnels durch das Haus versorgt uns mit Licht. Als wir gerade die Ware ausladen, betreten drei große, mit Schrotflinten bewaffnete Gestalten die Gasse und versperren den Weg nach draußen. „Okay, Sackgasse“ murmelt Tolstoy. Wir schlucken insgeheim, versuchen uns aber nichts anmerken zu lassen. Dann tragen wir die Kisten – eine große nimmt Tolstoy, die andere teilen sich Xun und Floki, ich habe die zwei kleinen – in eine große Halle im Innern des Hofes, vorbei an weiteren Trollen mit den charakteristischen weiß-blau gestreiften Hosen der Finntroll. Während der eine fluchend dem anderen Geld zusteckt, grinst dieser über beide Ohren. „Ich hab Dir doch gesagt, dass sie es schaffen!“ In der Mitte des Raumes sitzt das uns bereits bekannte japanische Robotermädchen.

Freundlich lächelnd – das Fabrikat ist in der Mimik ein wenig eingeschränkt – winkt sie nach einem Mann, der sofort hektisch die Szene betritt und die Kisten öffnet: zwei Luftabwehrraketen, eine Sammlung an Tabletten und eine Kiste BTL-Chips offenbaren sich uns und werden sofort abtransportiert.

In der üblichen viel zu tiefen Stimme für dieses kleine Wesen wendet sich das Schulmädchen in akzentfreiem Russisch an uns: „Vielen Dank, dass Ihr mir meine Ware zurück gebracht habt.“ Tolstoy schluckt sichtlich. Instinktiv übersetzt er uns. „Was ist mit Nierholz? Wurde ihm eine Bestrafung zuteil?“ Ich halt ein Horn in die Luft, Floki ein anderes und das dritte legt Tolstoy auf den Tisch vor unseren Auftraggeber. Einer der beiden Trolle bricht in schallendes Gelächter aus und auch das kleine Schulmädchen grinst bei diesem Anblick definitiv mehr als es der Standardmimik des Bots entspricht: „Ich bitte darum die Summe aufzurunden. Machen Sie 35 pro Person.“

Als wir die Halle verlassen, bekommt Tolstoy einen Anruf, Stani offensichtlich. Seine Stimme überschlägt sich als er von den guten Nachrichten von seinem Kontaktmann bei den Lobatchevski erzählt. Während er beim Lob unserer Arbeit beinahe außer sich gerät bricht er ab und holt Luft. „Egal, Ihr seid klasse! Wenn irgendwer fragen sollte, ich habe Euch geholfen!“
„Jaja Stani, klar. Du bist voll korrekt.“

Tolstoy legt auf, wir gehen zu unserem Auto und fahren nach Hause.

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