Fantastische Geschichten von unterwegs

Ins Nichts…

insnichts

„Bubele, lass‘ Dich doch nicht von denen ärgern. Du bist meine wunderbare, kluge und wirklich liebenswerte Tochter, da können die anderen in der Schule sagen, was sie wollen.“
„Aber Papa, die hänseln mich, ziehen mich an den Haaren und dann laufen sie weg. Und sie wissen ganz genau, dass ich nicht so schnell bin…“ schluchzt Suha. Ihr Vater hatte an diesem Tag zu Hause in seinem Studierzimmer gearbeitet und konnte sie deswegen trösten, als sie wieder weinend aus der Schule nach Hause kam. Alles Zureden ihrer Eltern macht es nicht besser. Die Kinder in ihrer Klasse hänseln sie trotzdem als Missgeburt, ihre Lehrer scheinen sie immer zu unterschätzen. Sie ist die einzige in der ganzen Schule. Auch am Sportunterricht hat sie noch nie teilgenommen, niemand möchte sich die Mehrarbeit machen.
„Denk immer daran: Wenn man fliegen kann, ist es völlig egal, wie groß man ist.“

Schlagartig wacht Suha in ihrem Bett auf. Sie ist nicht mehr acht Jahre alt und auch ihr Vater sitzt nicht neben ihr auf der Bettkante, um sie zu trösten. Seit fünf Tagen nun hat sie diesen Traum jede Nacht, gefolgt von unerträglicher Schlaflosigkeit. Seit fünf ewig währenden Tagen… seit ihr Vater plötzlich verschwand. Nach einigen Minuten steht sie auf, hüpft von der Bettkante, zieht ihre Hausschuhe an und schlurft leise durch’s Haus, die Bettdecke und ihr Kissen unter dem Arm. Durch das Fenster fällt das Licht des Vollmonds. Ohne Umwege begibt sie sich dorthin, wo sie in den letzten Tagen die meiste Zeit verbracht hat, das Studierzimmer ihres Vaters unter dem Dach. Langsam drückt sie die Türklinke hinunter – immerhin haben ihre Eltern darauf geachtet, dass alle gerade so tief genug angebracht sind – und öffnet die Tür, ganz vorsichtig, um ihre Mutter nicht zu wecken. Nachdem sie ihr Bettzeug vor dem Fenster platziert hat, legt sie den Kopf schief. Ihre Wahrnehmung verändert sich, statt dem kalten Mondlicht sieht sie, wie der Raum mit leuchtenden Farben durchzogen ist. Eine angenehme Ruhe macht sich in ihr breit, als sie die Signatur ihres Vaters spüren kann. Auch wenn sie jede Nacht langsam aber stetig abnimmt, kann sie dennoch fühlen, dass er zuletzt stark angespannt war. Angst, Wut und Trauer spürt sie, und dann noch diese störende Spur aus Überheblichkeit und Hohn. In der Mitte des Raumes ballt sich Verwirrung, noch mehr Wut und dann… Knack! Plötzlich schreckt sie auf aus ihrer Versenkung, als sie mit dem Fuß auf ein Objekt trifft. Sie hebt den Fuß und sieht herab. „Schon wieder ein übersehener Lehmklumpen“ flucht sie leise. Mit den Händen sammelt sie weitere Überreste von Adam auf und packt sie in die dafür vorgesehene Kiste unter dem Schreibtisch.

In ihren Gedanken sieht sie sich selbst, wieder acht Jahre alt, wie sie versucht Adam davon zu überzeugen, doch mit hinunter in die Küche zu kommen. Unten steht ein Glas mit Keksen im Schrank, an das sie nicht ran kommt. „Ach Adam, ich weiß genau das Du mich hörst. Papa wird schon nicht böse sein. Nur in die Küche und wieder hoch.“ Sie zieht an seiner Hand, doch nichts tut sich. Langsam laufen ihr Tränen über die Wangen. Nicht wegen der Kekse, sondern weil sie nicht schon wieder nicht an etwas ran kommt… und die Leiter ist gerade weg. Frustriert setzt sie sich vor die große Lehmstatue auf den Boden und beginnt schon alternative Wege zu planen als sich die große Hand auf ihre Schulter senkt. Erschrocken dreht sich Suha um und blickt in das bis über beide Ohren grinsende Lehmgesicht. Er hält ihr die zweite Hand hin und hebt sie vorsichtig auf seine Schultern. Auf dem Weg nach unten in die Küche erschrickt sie, als Adam plötzlich vor ihrem Vater stehen bleibt. „Ihr seid schon zu Hause?!“ …fragt Suha. „Offensichtlich, Bubele, aber was hast Du ausgeheckt?“  Nachdem ihr keine plausible Ausrede einfällt und stattdessen ein paar Mal vor sich hin stottert, beschließt sie es dann doch mit der Wahrheit zu versuchen. „Die Kekse im Schrank und die Leiter war weg.“ Ihre Mutter guckt sie an, schnauft, gerade dazu bereit sich ihrem Unmut Luft zu machen, und bricht in schallendes Gelächter aus. Ihr Vater, der sich gerade darum bemüht ein ernstes Gesicht zu machen, kann ihr ebenfalls nicht so recht böse sein. „Du solltest doch nicht ohne mich in mein Zimmer. Adam ist auch nicht Dein Spielgefährte, dachte ich zumindest bisher. Adam, siehst Du das etwa anders?“ Das Lehmgesicht grinst wieder. „Tja, Bubele, dann werden wir uns mal darüber unterhalten müssen, was Du in Zukunft mit Adam machen darfst und was nicht. Und, wie es scheint, über Deinen Unterricht“, sagte ihr Vater.

Damals bemerkte er das erste Mal, dass sie wie er war. An seinen Blick wird Suha sich wohl immer erinnern: der Groll wich Stolz, aber auch Besorgnis, wie sie immer wieder feststellte. „Adam, irgendwann werde ich Dich auch wieder zusammen bauen. Wie konnte man nur so gemein zu Dir sein?“ Die Müdigkeit setzt endlich wieder ein. Suha geht zum Sofa in der Ecke, wirft ihr Kissen und die Decke darauf und legt sich hin. Wieder legt sie den Kopf schief, taxiert den Raum, geht weiter, immer der Spur von Überheblichkeit nach, dann ist sie auf dem Weg. Auch wenn ihr davon übel wird, folgt sie ihr immer weiter, bis sie plötzlich eine Stimme hört:

„No, this job is done! We’re heading back to Germany now, our flight leaves in a few hours. We appreciate if you would never call us again.“ Der deutsche Akzent klingt fürchterlich penetrant. Plötzlich ist von der Überheblichkeit reine Wut übrig geblieben. Die Gestalt scheint verletzt im Bereich des Bauches, offensichtlich war die Verletzung vor kurzem noch wesentlich kritischer… und sie scheint magischer Natur zu sein. In ihren Gedanken spürt Suha eine große Zufriedenheit, Liebe und plötzlich sieht sie ein grinsendes Lehmgesicht… Adam! Eilig blickt sich sie um. Sie taxiert die Konturen einer Kamera in der oberen Ecke des Raums, dann untersucht sie die Umgebung, um den Ort zu identifizieren. Die zweite Person im Raum kommt ihr plötzlich erschreckend bekannt vor, dann bemerkt sie auch, wo sie sich befindet. Im Büro des Mossad-Chefs im Hauptquartier in Tel Aviv. Vor ihr steht sein Stellvertreter – die Stimme erkennt sie –, der gerade eine heftige Diskussion mit dem Mann mit dem deutschen Akzent führt. Sie prägt sich die Aura des Deutschen ein, den Cyberarm, die künstlichen Augen, die Operationsspuren am Rücken und die Verletzung im Bauchbereich. Dann wacht sie auf…

So schnell sie kann greift sie nach ihrem Kommlink und wählt eine Nummer, kurz darauf hört sie eine übermüdete Männerstimme am anderen Ende der Leitung. Noch bevor sich die Stimme über die Störung mitten in der Nacht beschweren kann, fällt Suha ihr ins Wort: „Yossi, ich brauche Dich! Dringend, jetzt. Ich komme so schnell ich kann zu Dir, aber sag‘ niemandem was!“

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