Fantastische Geschichten von unterwegs

Nachts in der Negev

Negev_night

Suha schimpft leise vor sich hin, während sie durch die Negev marschiert. „Blödes Überlebenstraining, blöder Mendel! Und dann ausgerechnet am heißesten Tag des Jahres!“ Alle anderen ihrer Einheit sind verschwunden. „So muss so ein Orientierungsmarsch natürlich laufen! Direkt nach 2km sind die ersten zu blöd zum Navigieren, dann biegt man falsch ab und landet mitten in einem Blindgängerfeld. Wenn die Armee so weiter macht, brauchen sie die Radikalen gar nicht um Israel auszurotten. Was für Vollpfosten!“

Sie ist bisher gut davon gekommen. Ausnahmsweise war es einmal hilfreich, dass sie das Marschtempo nicht halten kann. Die vorne in der Kolonne hat es zuerst erwischt. Ein falscher Tritt und mit einem lauten Knall flogen fünf ihrer Mitrekruten durch die Luft. Schnell sicherten sie das Gelände und bargen die Verletzten. Suha tat, was sie kann, um die schlimmsten Verletzungen zu versorgen, doch bei diesem Klima wurde ihr in der prallen Mittagssonne schon nach kurzer Zeit schwindelig. Mit größter Not schaffte sie es noch in den Schatten unter einem Felsen, doch kurz darauf wurde ihr schwarz vor Augen. Eilig zerrt sie an der Halterung ihrer Trinkflasche, doch die Schwere in ihren Gliedern zerrte förmlich an ihr und dann war sie auch weg.

Kurz darauf wacht sie wieder auf. Um sie herum ist nichts außer Dunkelheit. Sie blickt verwundert auf ihre Uhr: 23:47! „Was?! Verdammter Mist! Dann hätte ich hier über acht Stunden rumliegen müssen…“ Ungläubig guckt sich Suha nochmals um, nochmals auf die Uhr und konstatiert, dass es wohl wirklich so sein muss. Entweder es ist etwas schreckliches passiert, oder die anderen haben sie schlichtweg vergessen. Bei dem Gedanken daran wird ihr äußerst unwohl, doch dann unterbricht ein Krähen unvermittelt die Stille:

„Zillah!“

Suha guckt sich um und erkennt direkt vor sich einen Raben, wie er den Kopf schief legt.

„Zillah!“

Völlig irritiert runzelt Suha die Stirn. Der Rabe verliert die Geduld, fliegt hoch und bewirft sie mit einem Stein.

„Meine Güte, bist Du schwer von Begriff. Du bist in die Felsspalte gefallen! Jetzt komm hoch und geh heim…“

„Was?! Welche Felsspalte?“ Sie sieht sich um und plötzlich wird ihre Wahrnehmung so klar, wie der Schmerz in ihrem Kopf. Mit der Hand bemerkt sie die dicke Beule an ihrem Kopf. „Und wie komm ich hier bitte wieder raus?!“

„So wie ich“, krächzt der Vogel und fliegt nach oben. „Ja klar, Du Scherzkeks! Als ob ich mich hier hinstelle und mit meinen Armen wedele bis ich vielleicht in paar Stunden mal einen ziehen lasse!“ Suha beginnt die Wand hoch zu klettern, doch rutscht sie nach wenigen Metern ab und landet hart auf ihrem Hintern. Fluchend rappelt sie sich auf, bereit zum nächsten Versuch, als Rabe sie unterbricht:
„Danke für das Kompliment, aber ich meine das ernst. Jetzt komm schon!“
„Nicht, dass es komisch genug wäre, dass ich mich hier mit einem Raben streite. Nein, er ist auch noch unfreundlich wie sonstwas und erwartet von mir zu fliegen! Ma sha’a llah!
„Natürlich! Was ist der Unterschied zwischen einem Raben und einem Lehmklumpen? Außerdem sollte fliegen für Dich wohl kein Problem darstellen. Jetzt konzentrier Dich, sonst werf ich noch mehr Steine runter.“
„Lass Adam aus dem Spiel, ist ja gut… Und verdammt nochmal, das heißt ‚Nevermore‘!“

Suha setzt sich auf den Boden und konzentriert sich. Die Stimme des Raben gibt ihr hierbei hilfreiche Anweisungen. Nach einiger Zeit schafft sie es nach oben, ohne mit den Armen zu wedeln. Offensichtlich ist es wirklich dunkel, bemerkt sie. Die Uhr geht richtig. Aber wie kam sie in die Spalte? „Ganz einfach: Du fielst in Ohnmacht, bist nach hinten getaumelt und in die Spalte gefallen. Plopp und weg! Und im Trubel hat das keiner Deiner ultraschlauen Kumpels bemerkt. Und übrigens ist Adam mein Cousin.“

Nachdem sie endlich auch ihren Rucksack bergen konnte – den hatte sie in der Verwirrung natürlich unten vergessen –, prüfte sie ihr Kommlink. Natürlich war der Akku leer. Sie erinnerte sich an alle langweiligen Vorträge ihres Ausbilders über nicht-elektronische Navigationsmethoden, doch nach den letzten Stunden ist ihr Gehirn wie leer gefegt. Als sie gerade frustriert gegen einen der herumliegenden Felsbrocken treten möchte, fällt ihr auf, dass das ziemlich weh täte. Dann fällt ihr etwas anderes sein. Sie sieht einen hohen Felsen in der Entfernung stehen, auf dessen Spitze sie sich konzentriert. Wie ein Vogel scheint sie kurz darauf über ihm zu fliegen. Sie kreist über ihm und sieht sich selbst einige hundert Meter entfernt im Sand sitzen, noch immer der Rabe neben sich. Von dort aus blickt sie in die andere Richtung und sieht Lichter am Horizont. Damit hätte sie ein Ziel gefunden. Immerhin erinnert sie sich daran, wie man ohne Orientierung nicht im Kreis läuft.

Sobald sie sich nach einigen Stunden Marsch und mit weiterhin lauten Flüchen den ausgemachten Lichtern nähert, verabschiedet sich Rabe allmählich von ihr: „Denk dran, Zillah, wenn Du fliegen kannst, ist es egal wie klein du bist.“

Sie läuft weiter auf die Lichter zu, zunehmend verwirrt. Hatte das nicht ihr Vater immer zu ihr gesagt? Zu müde, um darüber weiter nachzudenken, verwirft sie diese Frage. Einfach nur noch zu den Lichtern laufen, denkt sie sich, einfach nur noch laufen… als sie von einem der Lichter beinahe überfahren wird. Gerade noch rechtzeitig schafft sie es sich zur Seite fallen zu lassen. „Kadett Levi!“ Eine Stimme ruft sie. Gerade noch rechtzeitig hält es sie davon ab, die undankbarsten Flüche zu brüllen, die sie kennt. Gleich darauf spürt sie schon einen beherzten Griff am Kragen, der sie in den Pickup zieht. Sie erkennt das Gesicht ihres Ausbilders.

Kurz darauf, wahrscheinlich einige Erinnerungslücken inbegriffen, findet sie sich auf der Sanitätsstation wieder. Ein Entourage in schwarzen Anzügen betritt gemeinsam mit dem Offizier die Station. „Machen wir es kurz. Das ist sie“, sagt der General. „Kadett Levi, Sie wechseln die Einheit.“ Draußen auf dem Übungsplatz hört sie, wie der Ausbilder ihre Einheit beschimpft. „Ähm, wenn Sie meinen, klar“ antwortet sie mit einem Grinsen.

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